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Geothermie? Lieber erstmal das Klima retten

Die Wärmewende ist wichtig. Priorität hat aber das Abschalten der Kohlekraftwerke. Für die nächsten Schritte zum 1,5°C-Ziel brauchen wir die Geothermie nicht

Ob in Breisach, Hartheim, Gottenheim oder Merdingen: Gemeinderäte in Südbaden stimmen derzeit für die Suche nach geeigneten Orten für die Nutzung von Geothermie.

Damit erlebt die Geothermie in unserer Region so etwas wie eine zweite Renaissance: vor 15 Jahren als Traum einer sauberen Quelle für Strom und Wärme gestartet, vielerorts gescheitert an Risiken und Nebenwirkungen und in der heutigen Realität der erneuerbaren Energie unserer Region eine Randerscheinung mit geringem Ertrag. Im zweiten Anlauf geht es jetzt um Geothermie als reine Wärmequelle.[1]Die BZ gibt einen guten Abriss dieser Entwicklungen: https://www.badische-zeitung.de/versuch-nummer-2-fuer-die-geothermie-in-suedbaden–200148624.html. Datum des letzten Abrufs: 11. März 2021

Aus Sicht der Firma badenovaWÄRMEPLUS, die den zweiten Anlauf der Geothermie bei uns maßgeblich vorantreibt und deren Ansporn es laut eigener Website ist, “einen lebenswerten Planeten zu erhalten”, besitzt Erdwärme ein “Großes und bisher kaum erschlossenes Potenzial für eine nachhaltige Wärmeversorgung”[2]https://www.badenovawaermeplus.de/erneuerbare-energien/geothermie/geothermie-im-ueberblick/. Datum des letzten Abrufs: 12. März 2021.

Aus Sicht des Klimaschutzes und mit Blick auf das 1,5°C-Ziel möchten wir vom Klimaschutzverein March e.V. den Nutzen der Geothermie jedoch ernsthaft anzweifeln, ihre Erforschung aber zumindest kritisch begleiten. Denn die “Wärmewende” ist zwar wichtig, sie ist aber für die nächsten Jahre nicht unsere dringlichste Aufgabe.

Was sind die nächsten Schritte zum 1,5°-C-Ziel?

24% der Treibhausgas-Emissionen entstehen durch Kohlekraftwerke, weitere 40% Emissionen in Verkehr und Industrie, und 13% durch Hauswärme.[3]Handbuch Klimaschutz, S. 31ff. Die Zahlen haben sich in 2019 nur unwesentlich geändert

Die “Wärmewende” ist also wichtig, aber erstmal brauchen wir für die Umstellung des Verkehrs auf E-Mobilität, für die Transformationen der Industrie, für Wärmepumpen und für Kraftstoffsynthese: Strom, Strom, und noch mehr Strom. Und zwar ohne Kohlekraft!

Erste Priorität ist also: Schnellstmöglich raus aus der Kohle, und massiv die Erneuerbaren Energien ausbauen. Bei uns im Breisgau heißt das: Photovoltaik auf jedes Dach, und daneben gleich auch noch eine Solarthermie-Anlage für die Hauswärme.

Sonne und Wind alleine können unseren Strombedarf jedoch nicht decken: In der “Dunkelflaute”, also abends und in der kalten Jahreshälfte, da benötigen wir zusätzliche Kraftwerke zur Stromerzeugung. In diesen Anlagen können wir durch “Kraft-Wärme-Kopplung” (KWK) Strom und Wärme gleichzeitig erzeugen! Wenn es dunkel und kalt ist, ist auch unser Wärmebedarf maximal – das Konzept greift also zeitlich perfekt ineinander. KWK-Anlagen arbeiten bei bis zu 90% Effizienz – optimal in Sachen Treibhausemissionen.

Wärme lässt sich jedoch schlecht über weite Wegstrecken transportieren.[4]Das Großkraftwerk Mannheim gibt ein gutes Negativbeispiel ab: Die dort entstehende Abwärme wird in die Wärmenetze u.A. von Heidelberg und Speyer eingespeist, über Distanzen von ca. 20km. Die … Continue reading Also müssen wir die KWK-Anlagen dort installieren, wo wir die Wärme benötigen: dezentral und vor Ort.

Klimaneutrale Energie ohne Geothermie

Um Orte wie Gottenheim, Bötzingen oder die Ortseile der March mit Strom und Wärme zu versorgen, würden relativ kleine KWK-Anlagen ausreichen. Selbst wenn wir in diesen Anlagen hier und jetzt Gas oder Hackschnitzel verfeuern würden: die Gesamt-CO2-Bilanz einer solchen Anlage schneidet im Vergleich gut ab, weil wir die Wärme mit Null Zusatzemissionen geschenkt bekommen.

Und das Konzept ist zukunfsfähig: Sobald wir genügend Strom durch Photovoltaik erzeugen, können wir zur Mittagszeit die überschüssige Energie in Elektrolyseure leiten, um Wasserstoff herzustellen. Mit dem Wasserstoff betreiben wir dann abends das Blockheizkraftwerk. Das ist das “neue Energiesystem”, wie es etwa das Handbuch Klimaschutz als Vision beschreibt.

Für all das brauchen wir die Geothermie nicht. Im Gegenteil: da wir, um auch die Industrie klimaneutral zu machen, die bei vielen Industrieprozessen entstehende Abwärme nutzen müssen, würde es sich sogar negativ auf die CO2-Bilanz auswirken, wenn wir Wärme aus Geothermie einspeisten, aber Industrie-Abwärme “verpuffen” ließen.

Priorität für’s Klima nein, Erforschung ja?

Wir können die Wärmewende also ganz ohne Geothermie schaffen. Natürlich kann man sich trotzdem auf den Standpunkt stellen, dass wir Geothermie für die (fernere) Zukunft erforschen sollten. Sie als “ideale Ergänzung zur Stromgewinnung aus erneuerbaren Quellen” zu bezeichnen, wie kürzlich anlässlich der Entscheidung zur Aufsuchung von Geothermie im Gemeinderat Gottenheim von Klaus Preiser (Technischer Geschäftsführer badenovaWÄRMEPLUS) zu hören war[5]https://www.badische-zeitung.de/waerme-aus-der-erde-der-gottenheimer-rat-ist-mit-der-suche-danach-einverstanden. Datum des letzten Abrufs: 13. März 2021, ist aber mit Blick auf das 1,5°-C-Ziel und die in den nächsten 5-10 Jahren notwendigen Transformationen, irreführend.

Bürger und Kommunen alleine können mit kommunalen BHKW und Solaranlagen (“Energie aus Bürgerhand”) das Klima sicher nicht retten. Dafür brauchen wir auch ein Umdenken und Umsteuern bei den Energieversorgern und -konzernen, und eine gemeinsame Strategie für die Strom- und Wärmenetze. Bei den aktuellen Vorstößen und Diskussionen in Sachen Geothermie in Südbaden ist davon leider nicht viel zu sehen.

Dass die Klimaschützer in Gottenheim die dortige Entscheidung des Gemeinderats mit Klimaschutzargumenten kritisch begleitet haben (die BZ berichtete), ist ein großartiger Anfang für eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema Geothermie im Breisgau. Danke @KlimaschutzGO, machen wir weiter so! 🙂

Einzelnachweise

Einzelnachweise
1 Die BZ gibt einen guten Abriss dieser Entwicklungen: https://www.badische-zeitung.de/versuch-nummer-2-fuer-die-geothermie-in-suedbaden–200148624.html. Datum des letzten Abrufs: 11. März 2021
2 https://www.badenovawaermeplus.de/erneuerbare-energien/geothermie/geothermie-im-ueberblick/. Datum des letzten Abrufs: 12. März 2021
3 Handbuch Klimaschutz, S. 31ff. Die Zahlen haben sich in 2019 nur unwesentlich geändert
4 Das Großkraftwerk Mannheim gibt ein gutes Negativbeispiel ab: Die dort entstehende Abwärme wird in die Wärmenetze u.A. von Heidelberg und Speyer eingespeist, über Distanzen von ca. 20km. Die Leitung nach Speyer hat 18 Mio EUR gekostet. Das Kraftwerk erzeugt jedoch derart viel Abwärme, dass es dennoch einen Wärmeüberschuss gibt. Dieser Überschuss wird in den Rhein geleitet, der mit Sondergenehmigung sogar auf bis zu 30°C aufgeheizt werden darf. Die Klimabilanz und Effizienz des Großkraftwerks ist damit alles andere als ideal.
5 https://www.badische-zeitung.de/waerme-aus-der-erde-der-gottenheimer-rat-ist-mit-der-suche-danach-einverstanden. Datum des letzten Abrufs: 13. März 2021

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